Der erste Roman

(schwer)
Hier folgt ein langer Satz - der erste aus einem langen Roman.
Der Herausgeber der gegenwärtigen Geschichte siehet so wenig Wahrscheinlichkeit vor sich, das Publikum überreden zu können, daß sie in der Tat aus einem alten griechischen Manuskript gezogen sei, daß er am besten zu tun glaubt, über diesen Punkt gar nichts zu sagen und dem Leser zu überlassen, davon zu denken, was er will.
Wieland
-------------------------
Papyrus
anonymous, Papyrus, marked as public domain, more details on Wikimedia Commons

Kommentar

Wieland hält es also für unwahrscheinlich, dass ihm die Leser glauben, dass seine Geschichte aus einem alten Manuskript stammt - und will deshalb lieber gar nichts zu dieser Frage sagen.
Hier beginnt schon das Spiel, der Dialog mit dem Leser, der für die literarischen „Aufklärer“ so typisch ist.
Aufklärung

Autor und Werk

Es geht um „Die Geschichte des Agathon", einen 1766 erschienen Roman von Wieland, der im alten Griechenland spielt. Jedenfalls haben die Handelnden und die Schauplätze alle griechische Namen, aber tatsächlich geht es natürlich um Wielands Gegenwart.
Christoph Martin Wieland
Christoph Martin Wieland
Christoph Martin Wieland ist 1733 in einer süddeutschen Kleinstadt geboren, ging 1772 an den Weimarer Hof und starb in Weimar im Jahr 1815. Er war einer der wichtigsten deutschen „Aufklärer", und vielleicht der sympathischste.

Wieland hat mit dem Agathon nicht den „ersten deutschen Roman" geschrieben, es gab natürlich früher schon Romane in deutscher Sprache. Aber ein noch berühmterer Zeitgenosse nannte „Agathon“ »den ersten und einzigen deutschen Roman für den denkenden Kopf von klassischem Geschmack«. Der Lobende war Gotthold Ephraim Lessing, der berühmteste deutsche Aufklärer.
By nach einem Gemälde von Ernst Hader, herausgegeben 1877 von Sophus Williams Verlag Berlin. (Carte de Visite - Foto 5,7 x 8,7 cm.) [Public domain], via Wikimedia Commons

Verben

sehen überreden tun überlassen denken